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Dokumentation

Eine neue Art, Kirche zu sein

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Pontifikalgottesdienst zum Abschluss der Kiliani-Wallfahrtswoche 2020 am Sonntag, 12. Juli, im Würzburger Kiliansdom

Liebe Schwestern und Brüder,

thematisch stand die diesjährige Kiliani-Woche im Zeichen der Bildung der neuen Pastoralen Räume, die – so Gott will – Ende Oktober umschrieben sein werden. Diese neuen Räume wollen helfen, den Blick über die Grenzen der eigenen Pfarrei oder Pfarreiengemeinschaft zu weiten. Wir wollen die Lebenswelt der Menschen anschauen, um zu sehen, wie wir als Kirche „Sakrament des Heils“ für die Welt sein können. Das erfordert den Mut, Neuland zu erkunden. Davon handelte die Lesung aus dem Buch Numeri mit der Erzählung von den zwölf Kundschaftern, die Mose aussandte, um das Gelobte Land zu inspizieren. Ich möchte mit Ihnen diese Lesung meditieren, weil sie uns wertvolle Impulse für die Errichtung neuer Pastoraler Räume geben kann.

Schick Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will!

Als die Israeliten nach dem Durchzug durch die Wüste zur Schwelle des Gelobten Landes kommen, erteilt Gott Mose den Auftrag, Kundschafter auszusenden: „Schick Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will!“ Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation. Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Art, Kirche zu sein. Papst Franziskus betont immer wieder, dass wir nicht in einer Epoche des Wandels leben, sondern in einem Wandel der Epoche, der unser bisheriges Kirche-Sein auf den Prüfstand stellt. Wir spüren allenthalben diesen Wandel. Veränderung erscheint oft als Bedrohung des Bisherigen und macht Angst. Die Bibel spricht aber im Gegenteil davon, dass wir an der Schwelle zum Gelobten Land stehen, das eine neue Fülle birgt, auch wenn sie sich uns nicht auf den ersten Blick erschließt. Um nicht unvorbereitet in das neue Abenteuer zu schlittern, soll Moses mit Kundschaftern die Lage sondieren. Auch wir brauchen Mutige, die ihren Fuß ins Neuland setzen, um für andere zu schauen, welche Chancen sich hier bieten. Die Kundschafter sind 40 Tage unterwegs. 40 ist die biblische Zahl für eine Zeit des Übergangs. Insofern könnte man sagen, dass auch uns diese mystischen 40 Tage geschenkt sind für die Erkundung des verheißenen Landes.

Seht, wie das Land beschaffen ist und ob das Volk, das darin wohnt, stark oder schwach ist, ob es klein oder groß ist; seht, wie das Land beschaffen ist, in dem das Volk wohnt, ob es gut ist oder schlecht, und wie die Städte angelegt sind, in denen es wohnt, ob sie offen oder befestigt sind und ob das Land fett oder mager ist, ob es dort Bäume gibt oder nicht. Habt Mut und bringt Früchte des Landes mit!

Der Auftrag an die Späher lautet, das Land umfassend unter die Lupe zu nehmen. Sie sollen die Stärken und Schwächen der Menschen in Erfahrung bringen, worin sie groß sind und was ihnen fehlt, auch ihre moralische Qualität sollen sie prüfen. Ihre Lebensgewohnheiten stehen genauso auf dem Prüfstand wie die Art und Weise, in der sie das Land bestellen. Ob sie offen sind für Neues oder eher abweisend. Zudem erhalten sie den Auftrag, nach Früchten zu schauen. Es ist also ein durch und durch zugewandter und positiver Blick, mit dem die Späher das Land anschauen sollen. Ihre Vorurteile sollen sie soweit als möglich ablegen und wertschätzend die Menschen in diesem Land beobachten.

Der Erkundungsauftrag ist ein wichtiger Hinweis für uns. Kritisch konstruktiv sollen die Kundschafter vorgehen. Nicht naiv, aber auch nicht mit einer negativen Brille. Der ausdrückliche Auftrag, von den Früchten des Landes etwas mitzubringen, zeigt, dass es Moses darum geht, an das vorhandene Gute anzuknüpfen, das man vorfindet, ohne etwas dafür tun zu müssen. Es geht also um die Bereitschaft, etwas lernen zu wollen. Diese Grundeinstellung ist die Voraussetzung für alles andere. Wer nichts erwartet, wer Fremdes nur negativ beurteilt, wer keine Freude an der Erkundung des Neuen hat, der wird auch nichts entdecken, schon gar keine Früchte.

Wir haben die vergangenen Jahre lernen müssen, dass wir noch erheblichen Nachholbedarf haben, was es bedeutet, als Institution Kirche sich in der Welt von heute zu behaupten: Transparenz in Finanzangelegenheiten, Offenheit in der Kommunikation, Ehrlichkeit im Umgang mit Fehlern, Authentizität im öffentlichen Auftreten. Insofern waren wir gut beraten, genau hinzuschauen, was die aktuellen Standards außerhalb der Kirche sind, und davon zu lernen.

Auch jetzt geht es darum, gut und genau hinzuschauen. Die Corona-Tage haben uns gelehrt, wie die Menschen heute leben, wie wir sie über Social Media und die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung erreichen können und wie es uns gelingen kann, das Wort Gottes in die Lebenssituation der Menschen hinein zu verkünden.

Auch wenn uns nicht immer schmeckt, was uns die Welt zu bieten hat, gilt das Wort des Apostels Paulus, erst einmal sorgfältig alles zu prüfen, um dann das Beste zu behalten (1Thess 5,21). Die Früchte gilt es zu sichten und sie einzubringen. Unsere vielfältigen Beratungs- und Hilfsdienste von der Ehe-, Familien- und Lebensberatung über die Telefonseelsorge und die caritativen Dienste können uns die Augen dafür öffnen, wie es um den Menschen bestellt ist, wo er seine Stärken und Schwächen hat und wo das Land insgesamt im Argen liegt.

Es ist wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Das hier sind seine Früchte. Doch das Volk, das im Land wohnt, ist stark und die Städte sind befestigt und sehr groß.

Die Bilanz der Kundschafter fällt bei ihrer Rückkehr gemischt aus. Auf der einen Seite sehen sie das große Potential des Landes, ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in dem also das Lebensnotwendige genauso vorhanden ist wie das, was das Leben so lebenswert und schön macht. Inbegriff all dessen ist die große Traube, die zwei Männer an einer Stange aus dem Traubental heimbrachten und die sinnenfällig die Fruchtbarkeit des Landes vor Augen führte. Das einzige, was stört, sind die Menschen, das starke Volk in seinen befestigten Städten. Aber das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

So ergeht es uns heute auch. Wir sehen viele Vorzüge moderner Errungenschaften. Aber wir spüren, dass die Menschen nicht einfach für das Evangelium zu gewinnen sein werden. Man kann ihnen nicht mit ein paar frommen Sprüchen kommen. Denn sie sind wehrhaft und stark und man muss sich mit ihnen auf Augenhöhe auseinandersetzen, wenn man in den Genuss der Güter des Landes kommen will. Wir werden sie davon überzeugen müssen, dass man mit Gott und seinem Evangelium vom neuen Leben wirklich besser fährt, und sie werden es an uns und unserem Lebenszeugnis ablesen wollen.

Und sie verbreiteten bei den Israeliten ein Gerücht über das Land, das sie erkundet hatten, und sagten: Das Land, das wir durchwandert und erkundet haben, ist ein Land, das seine Bewohner auffrisst; das ganze Volk, das wir in seiner Mitte gesehen haben, ist von riesigem Wuchs. Sogar die Riesen haben wir dort gesehen – die Anakiter gehören nämlich zu den Riesen. Wir kamen uns selbst klein wie Heuschrecken vor und auch ihnen erschienen wir so.

Und so kommt, was kommen muss. Die Sehnsucht nach den köstlichen Früchten des Landes weicht dem Kleinmut. Ein Kleinmut, der angeheizt wird durch Gerüchte. Die Vorstellung der Kundschafter, sich wirklich mit den Menschen des gelobten Landes auseinandersetzen zu müssen, verleitet sie dazu, verfälschende Gerüchte in Umlauf zu bringen. Die Angst macht alle Probleme größer. So werden aus den Bewohnern des Landes plötzlich Riesen. Zugleich schwindet das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und man sieht sich selbst als Zwerge oder eben als Heuschrecken, die nichts auszurichten vermögen angesichts der Überlegenheit der Riesen. Das gelobte Land wird so unter der Hand plötzlich zu einem Land, das seine Bewohner auffrisst.

Lieber will man weiter an der Schwelle verharren, auch wenn man des Zuges durch die Wüste überdrüssig ist, aus Kleinmut, schlimmer noch, aus Unglauben. Denn die Gerüchte verfälschen die Verheißung Gottes und strafen den Herrn Israels Lügen, der versprochen hatte, sein Volk ins gelobte Land zu führen.

Die Gefahr lauert durch alle Zeiten. Aus Angst vor dem Neuen sich krampfhaft am Alten festhalten, auch wenn man sieht, dass es nicht trägt und wenig erstrebenswert ist. Zum Glauben muss die Hoffnung hinzutreten und die Gottesliebe, die dem Herrn wirklich vertraut, der uns als seine Kirche herausfordert, um im gelobten Land selbst neu zu werden. Wo die Gerüchte und Halbwahrheiten über den Glauben siegen, machen sich Engstirnigkeit und Engherzigkeit breit. Der Glauben verkümmert und wird zur Doktrin anstatt zur wirklichen Lebenshilfe, weil er den Kontakt mit dem Leben und der Welt der Menschen von heute zu verlieren droht.

Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen.

Von daher versteht man die Aufforderung Jesu aus dem Evangelium, durch die enge Pforte zu gehen. Wer das gelobte Land wirklich erreichen will, muss die eigene Bequemlichkeit ablegen. Er muss sich aufraffen, aufzubrechen. Dann wird man sehen, was wirklich trägt in der Auseinandersetzung mit den kritischen und wehrhaften Bewohnern des Landes. Und man wird merken, was man entweder aufgeben, oder noch einmal ganz neu durchdenken muss, wenn man denn das Land in Besitz nehmen will.

Das gilt nicht zuletzt für die Themen, die wir auch jetzt beim Synodalen Weg besprechen, wie die Fragen nach erfüllenden menschlichen Beziehungen, der Stellung der Frau, dem Umgang mit der Macht und der Teilhabegerechtigkeit. Die enge Pforte zu durchqueren heißt, sich der Wahrheit des eigenen Lebens stellen zu müssen. Wer das wagt und wer diesen beschwerlichen Weg auf sich nimmt, dem wird am Ende das Herz weit werden, wie der Heilige Benedikt sagt (RB Prol 48/49).

Nur die Berufung darauf, mit dem Herrn gegessen und getrunken zu haben und seine Predigt gehört zu haben, verfängt nicht, wenn daraus nicht eine wirkliche Umkehr erwächst.

So viele Tage, wie ihr gebraucht habt, um das Land zu erkunden, nämlich 40 Tage, so viele Jahre lang – für jeden Tag ein Jahr – müsst ihr die Folgen eurer Schuld tragen, also 40 Jahre lang, dann werdet ihr erkennen, was es heißt, wenn ich mich von euch abwende.

Die Israeliten haben ihre Chance damals verpasst. Die Gerüchte besiegten den Glauben an die Verheißung. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Aus jedem der 40 Tage der Erkundung wurde ein Jahr des weiteren Umherirrens in der Wüste, 40 Jahre insgesamt. Es ist genau die Zeit einer ganzen Generation, die lieber ungläubig in der Wüste verharrte, als in das gelobte Land zu ziehen, und die deshalb in der Wüste zum Sterben verurteilt wurde. Aus dieser Erzählung spricht viel Lebensweisheit. Gott weiß, dass eine Änderung der Denkgewohnheiten oftmals neue Generationen braucht, die nicht dem Alten nachtrauern, sondern beherzt Neues angehen. So wird die Geschichte von den Kundschaftern auch zur Einladung, lieber auf die Jungen zu hören und sich von deren Mut anstecken zu lassen, als in Resignation zu verharren.

Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid. Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen.

Das gelobte Land zu erkunden bleibt als Auftrag bestehen. Gegen alle falsche Selbstsicherheit und Selbstgenügsamkeit erinnert Jesus seine Jünger daran, dass das Reich Gottes größer ist als die Kirche. Er bereitet uns darauf vor, dass am Ende unter Umständen ganz andere an diesem Reich teilhaben werden als wir uns ausgemalt haben. Es sind die, die in ihrem Denken und Handeln dem Gelobten Land den Boden bereitet und die erhofften Früchte gebracht haben.

Von dort kamen sie in das Traubental. Dort schnitten sie eine Weinranke mit einer Traube ab und trugen sie zu zweit auf einer Stange.

Als Ermutigung bleibt das wunderbare Bild von den beiden Männern mit der Traube, die sie im Traubental geerntet hatten, und die sie nun auf einer Stange gemeinsam zum Volk Israel zurückbrachten. Für die Kirchenväter symbolisiert die Traube an der Stange niemanden anders als Jesus Christus selbst. In der Stange sahen sie den Kreuzesbalken vorausbezeichnet, in der Traube den wahren Weinstock Christus. Wir sind aufgefordert, immer neu in diesem Weinstock zu bleiben. Und der Weinstock muss immer neu beschnitten werden, um mehr Frucht zu bringen.

In diesem Christus, der in seinem Sterben neue Frucht gebracht hat, haben wir bereits unseren Fuß in das Gelobte Land gesetzt. Er ist schon unser Anteil am Leben in Fülle. Wir tragen diese Traube mit uns, solange wir als pilgernde Kirche nach dem Land der Verheißung suchen. Die Erinnerung an die Traube gebe uns Kraft, nie stehen zu bleiben, sondern mutig auszuschreiten auf dem Weg zum Leben. Freuen wir uns jetzt, wenn wir in der Eucharistie von den herrlichen Früchten des Gelobten Landes kosten dürfen, um schon jetzt Anteil zu erhalten an der verheißenen Fülle. Amen.

Zum Autor: sti (POW) (pow@bistum-wuerzburg.de)

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