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„Armut hat ein Gesicht“

Predigt von Bischof Dr. Friedhelm Hofmann beim Kiliani-Wallfahrtstag der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde-Caritas am Dienstag, 5. Juli 2011, im Würzburger Kiliansdom

Liebe Schwestern und Brüder,

Armut hat ein Gesicht.

Täglich werden wir mit Meldungen überhäuft, die von der Not und dem Elend in dieser Welt sprechen. Selbst wenn wir aber von Hunderttausenden hören, die durch Erdbeben, Flut- oder Dürrekatastrophen die Existenzgrundlage oder gar ihr Leben verloren haben, haken wir dies als eine Meldung ab, die bald schon von einer neuen verdrängt wird. Sehen wir jedoch ein verhungerndes Kind in den Armen einer ausgemergelten Mutter, nehmen erschreckend die vielen Fliegen um Augen und Mund des Kindes wahr, schrecken wir auf und begreifen, was sich hier eigentlich abspielt. Not braucht ein Gesicht.

Liebe Schwestern und Brüder, bei uns hat Armut ein Gesicht.

Ein ganz zentrales Thema der Caritas ist das Engagement für Familien und da noch besonders für Kinder, Jugendliche und alte Menschen.

Man erschrickt, wenn man die Zahlen hört: Über zwei Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut betroffen. Die Bildungsproblematik fordert den konkreten Einsatz von Bildungsgerechtigkeit – angefangen von den Kindergärten, über Schulen, Familienpflege, vielfältige Beratungsstellen bis hin zur Sorge um die alten Menschen.

Die meisten alten Menschen (über 80 Prozent) möchten in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Die Aufgabe der Caritas ist es, die Probleme wahrzunehmen und zu lösen versuchen. Dazu gehört auch die Förderung sozialer Netzwerke.

Wenn man hier zu Recht von einer Kultur der Achtsamkeit reden kann, so hat doch dieses Bemühen auch ein Gesicht.

Da ist zum Beispiel der Heilige Vinzenz von Paul zu nennen.

Ich vergesse nicht den Anblick der großen Dorfkirche in seinem Geburtsort, einem kleinen Dorf in der Gascogne. Eine bleierne Hitze lag über diesem Tag, als ich den Geburtsort dieses Heiligen im Zusammenhang mit einer Lourdes-Wallfahrt aufsuchen konnte. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. Keine Menschenseele war zu sehen. Ehern und groß ragte das Kirchengebäude über die dörflichen Häuser und Höfe. Von hier also stammte der Mann, der als Sohn eines kleinen Bauern am 24. April 1581 geboren wurde und den man als Ahnherr oder gar Begründer der Caritas bezeichnen kann. Sicherlich gab es auch schon vor ihm viele caritative Hilfsmaßnahmen innerhalb der Kirche. Er aber hat sie in großem Stile organisiert. Er polarisierte nicht zwischen Arm und Reich; er vermittelte. Er half konkret 6000 Strafgefangenen, die an die Ruderbänke französischer Galeeren gekettet waren. Für zwei Millionen Bettler – jawohl zwei Millionen von 17 Millionen Franzosen – beschaffte er wirksame Hilfe. Er nutzte seine Kontakte bis in die höchsten Kreise der französischen Gesellschaft hinein, um wirksam helfen zu können. Er gründete die Kongregation der Weltpriester für Missionen – gewöhnlich Lazaristen genannt – und Priesterseminare, weil er verstanden hatte, dass tätige Nächstenliebe aus dem Glauben an den uns liebenden Gott und an den sich uns in Christus verschenkenden Heiland erwächst. Er hielt viele Exerzitien ab, weil er das geistliche Fundament der Caritasarbeit in das Bewusstsein seiner Helferinnen und Helfer verankern wollte.

Er hat – wie unser Heiliger Vater Papst Benedikt XVI. in seiner faszinierenden Enzyklika Deus est caritas schreibt – erkannt, dass Gott, der uns zuerst geliebt hat (vgl. Joh 4,10) unter uns erschienen (ist), sichtbar geworden dadurch, dass er ‚seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben’ (Joh 4,9). Und der Heilige Vater fährt in der Enzyklika Deus caritas est fort: „Gott hat sich sichtbar gemacht: In Jesus können wir den Vater anschauen (vgl. Joh 14,9)“ und so hat – möchte ich einfügen – die Liebe des unsichtbaren Gottes ein Gesicht bekommen.

Liebe ist nicht nur ein Gefühl, liebe Schwestern und Brüder. Der Anblick eines verhungernden oder verdurstenden Kindes kann eine großartige Initialzündung sein. Aber es bedarf eines Prozesses der Reinigung und Reifung, die der Heilige Vinzenz von Paul gesehen und entsprechend begleitet hat, um wirksam helfen zu können.

So schreibt auch Papst Benedikt XVI.: „Die Erkenntnis des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der Liebe. Dies ist freilich ein Vorgang, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist niemals ‚fertig’ und vollendet…“ (Ebd.)

Die caritative Nächstenliebe braucht Strukturen, aber auch Menschen, die diese mit Leben erfüllen. Als Auftrag der ganzen Kirche muss die Caritas Fuß fassen in den einzelnen Pfarrgemeinden. Verbandliche Caritas kann ihre ganze Wirksamkeit nur dann entfalten, wenn die ganze Pastoral – auch und gerade in den Pfarrgemeinden und Pfarreiengemeinschaften vor Ort – die gemeinsamen Quellen und auch den gemeinsamen Auftrag wahr- und annimmt. Hierin liegen die Chancen und Perspektiven einer wirklich missionarischen Kirche.

So möchte ich heute auch die Gelegenheit wahrnehmen und Ihnen allen danken, die Sie sich verbandlich oder pfarrlich, haupt- oder nebenamtlich, als ehrenamtliche Helferin oder Helfer konkret die Nächstenliebe leben. Das Thema unserer Kiliani Wallfahrtswoche lautet: „Jetzt ist die Zeit der Gnade“.

Jeder von ihnen, der sich schon in irgendeiner Weise helfend eingebracht hat, weiß, wie viel innerer Friede, welche tiefe Freude einen im Helfen erfüllt.

Die so eben gehörten Seligpreisungen machen deutlich, dass wir unser Fundament auf der Verheißung des Ewigen Lebens aufbauen. Unser vorübergehendes Heute vollendet sich einst in der Ewigkeit Gottes. Unser Lohn wird sich erst dort voll entfalten.

Nutzen wir die Chancen, die Gott uns gibt, seine Liebe heute zu bezeugen und zu leben. Geben wir der Caritas, der Liebe, ein Gesicht.

Amen.

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